This show will include works produced between 1987 and 2010 with a focus on the Beirut project from 2006, “the Sevillia nudes” from 2007, and his last explorations of landscapes and still lives in color.

Balthasar Burkhard was born 1944 in Bern, Switzerland where he lived and worked until 2010. His photographic projects took him all over the world from the temples of Japan to the rainforests of Brazil, to mega cities across three different continents, to the deserts of Namibia, to the Swiss mountains and waterfalls. The artist pulls his viewers through a range of experiences and perspectives, drawing the eyes from extreme close-ups to panoramic landscapes taken from high above the earth.

Considered a pioneer of large format black and white photo printing, Burkhard’s engagement with the micro and macro is also reflected in the range of silver print sizes, spanning from the small to the huge. It is only in the very last years of his life that he printed in color.

From the personal to the universal Burkhard’s minimal and concrete photography speaks in a language that is difficult to put in words but resonates with a recognizable truth to the viewer.
 

 

 

Exhibition Overview

 

 

 

Installation View - Ground Floor

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Installation View - Room 1

 

 

 

 

 

 

 

Landscapes, 2008-2009

 

 

 

 

 

 

 

 

Installation View - Room 2

 

 

 

 

 

 

 

Sevilla, 2007

 

 

 

Escargot, 1992

 

 

 

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren, dear Vida, liebe Andrée,

 

Gelenke des Lichts – Balthasar Burkhardt

Wer hat je einen Torso, einen Bauchnabel gesehen, das tragende, ursprüngliche Zentrum des menschlichen Körpers, einen Bauchnabel, der in seinem weichen, chromatisch abgeschatteten und stetig geführten Licht einer beginnenden Mondfinsternis gliche? Und Close-ups einer animalischen Erdung der Schnecke - ´escargots’ - ist schöner und sinnlicher -, die einer blühenden Vagina ähneln oder aber diese Bilder der Natur, in ihrer Zeit verwirrt, die Herbst und Frühling in einem aufscheinen lassen, Urpsrung, Widerstreit und Abschied? Das sind die Gelenke des Lichts von Balthasar Burkhard, ein Titel, den ich mir und Ihnen mit für diese Ausstellung hier geben möchte, von Balthasar, dem großen Künstler, dem Meister von Licht und Geheimnis, dem engen Freund. Noch heute, vier Jahre nach seinem Tod, ist Balthasar Burkhard in Deutschland kein Bekannter, auch kein Unbekannter, doch die Kenntnis ist peripher und oberflächlich. Das hat einer der fraglos bedeutendsten Künstler der letzten vierzig Jahre nicht verdient. Sie sehen in dieser von Vida Burkhard und Andrée Sfeir-Semler zusammengestellten Ausstellung Bilder, vintage prints, die in Teilen noch niemals gezeigt worden sind, in Deutschland jedenfalls nicht. Der Schnecke zum Blatt änhlich, krieche ich zunächst langsam zu den Bildern hin. Belgeiten Sie mich auf diesem Weg.

„Die Kunst, das ist, Sie erinnern sich, ein marionettenhaftes, jambisch-fünffüßige und (...) kinderloses Wesen. / In dieser Gestalt bildet sie den Gegenstand einer Unterhaltung, die in einem Zimmer, also nicht in der Conciergerie stattfindet, einer Unterhaltung, die, das spüren wir, endlos fortgesetzt werden könnte, wenn nichts dazwischenkäme.“ Das waren die ersten Worte der Rede Paul Celans zum Dank für den Georg Büchnerpreis im Jahr 1960. Lesen wir diese Rede, „Meridian“ betitelt, genau, so ließe sich ihr ein Denken entnehmen, dass die Kunst als Kunst, ob Dichtung oder Bild, ob Musik oder Architektur in ein Benehmen mit der Betrachtung setzt, wo Leben gewagt wird, „wenn nichts dazwischenkäme“. Das Gespräch zwischen beiden, Kunstwerk und Betrachtung, birgt einen Daseinsentwurf, ein existentielles Projekt, das uns alle, die wir uns darauf einlassen, aus unserer Mulde der Befindlichkeit und quälend gefälligen Selbstgewissheit heraus „entsetzt“. Man macht es sich heute nicht mehr klar, dass die Bilder, die uns umgeben, die Kunstwerke, nicht aus dem Zufall heraus entstanden sind, sondern einer Seele und Sorge entrungen, und sie tatsächlich uns meinen, und die Kunstwerke ohne uns nichts sind, „wenn nichts dazwischenkäme“. Nun, das „Dazwischen“ bezieht sich auf all das, was zwischen Innen und Aussen verhandelt wird und den Übergang, die Schwelle benennt, da eine Welt invertiert, ihren salto mortale, nicht von oben nach unten, doch von überall her überall hinein, vollbringt. Es ist gleichsam der Längengrad der Apparatur, der photographischen Apparatur, der nach der Natur kommt, es ist der Meridian Celans, es ist die Kunst von Balthasar Burkhardt, den Menschen zwischen die Natur und Nicht-Natur zu stellen.  Als künstlerisches Medium hatte er die Photographie gewählt, eben weil sie uns durch Ähnlichkeit betört, anderes aber, Unähnliches, nie Gesehenes oder Übersehenes meint.

 

Balthasar, Balthasar Burkhard, hat seine Kunst, von den frühen 70er Jahren in Amsterdam und Chicago, damals mit Markus Raetz, bis zu seinem viel zu frühen Tod im Jahr 2010, buchstäblich als Sorge getragen, aus einer, seiner Existenz heraus, die von Zweifel und Humor, von Leidenschaft und von Ironie durchdrungen war. (Und ich bin sicher, dass er uns von irgendwoher zulächelt mit Zigarette, Wein oder Whiskey). Vor fünfzehn Jahren, eben hier in der Galerie von Andrée Sfeir Semler und drüben in den Räumen von USM, nannte ich ihn einen funambule, einen Seiltänzer. Er balanciert und trägt in seiner Kunst die Kunde seiner Schritte. Ob Krähenflügel, Falken oder Adlerflügel, ob in der Vertikalen des Menschen, der Alpen oder der Tropenwälder oder der Horizontalen der Tiere, des Geästs und der Städte, überall in seinen Bildern findet sich der Ansatz zum Abheben oder zum Senken, und nicht vermessen wie beim glücklosen Ikarus, sondern in allen Werken einem strengen formalen Gesetz folgend. Dieses strikte Maß, in der Balthasar Burkhard uns die Welt in abgewogenen Koordinaten und Längengraden erscheinen lässt, ist in seiner Strenge die Freiheit des Inhalts, wie für Baudelaire die Allegorie und der Alexandriner die bekannte Form war, in der eine neue Sprache entstand. Balthasars Kunst trotzt allem Kanon und den Gefälligkeiten der Becher Epigonen und Epigönchen, seine Kunst gilt den nicht beladenen Augen und Blicken, sie ist dezidiert künftig. Ironie in ihrer subtilsten Form nennt man den Gestus, in eine Zukunft zu langen, die jetzt in dieser Bewegung rhetorisch als Gegenwart gesetzt wird. Balthasar hat in seiner Kunst unvergleichlich die Welt umfangen, um hinweg ins Unbegrenzte gehen zu können und wenn wir uns von dem Eindruck befreien, diese Lichtung, diese Blume, dieser Bach, diese Stadt, wäre tatsächlich einer, die wir gesehen haben könnten, wir begreifen , dass nicht die Ähnlichkeit zu einer Welt diese Bilder ausmacht, sondern ihre genuine Schöpfung einer Welt, dann können wir Balthasar Burkhard gemeinsam mit Motherwell, Serra, Gerhard Richter oder Ed Rusché sehen.

 

Balthasar erdet in seinen Bildern das Licht und die Bilder wachsen ins Licht und Dunkel hinein. Beiruth gerade nach Ende des langjährigen Bürgerkriegs, schauen Sie sich die Bildern unten genau an, Balthasar fotografiert als hieße es Zeit nachzuholen, die Schräge der Stadtautobahn durchfährt das Bild, die Strassenmarkierungen schlängeln wie Noten auf einer Partitur  und der verwaiste Anhänger eines Tankwagens trägt die Lettern BOB und das Kreuz des Todes. Die Details schaffen eine Zeit, die nie gelebt worden ist und in seiner Ästhetik der ‚verschwebenden’ Koordinaten lässt Balthasar Burkhard nicht jeden Moment zum Bild werden. Die präzisen Kompositionen und Lichtsetzungen zeigen wie der Künstler buchstäblich die Zeit in Schach zu halten versucht. Und sehen wir nicht auch in dem großen Bild eines durch Smog in die Unschärfe gezogenen Mexiko City wie diese große Landzunge in einem Zuge die gesamte Urbanität wegwischt?

Sie merken, wie ich diesen Arbeiten ausgeliefert bin ´addictetd to them und das Celansche Dazwischen als Brücke der Übersetzung fasse. Hier oben setzt sich die Ausstellung zunächst fort mit fast surrealen Bildern der Natur, die allesamt Ursprung und Absraktion schwingen lassen, späte Arbeiten von Balthasar. Ausgenommen das große Alpenporträt von 1992/93 samt Inversion, stammen die Landschaften, eigentlich Seelenlandschaften, aus den Jahren 2008 und 2009, seine letzten Arbeiten und ersten (nicht ganz) Farbarbeiten. Die ersten Farbarbeiten entstanden im Rahmen seiner Hommage an Gustave Courbet für die große Retrospektive im Grand Palais in Paris im Jahr 2007, insbesondere experimentell als Heliogravüren, in ihrer sorgsam temperierten Farbigkeit und Plastizität mitunter die besten seit einem Jahrhundert. Die Bilder der Natur, wie überhaupt die Werke hier oben, das Rentier von 1996 und, die Sevilla Akte von 2007, Escargots, der phänomenale Rückenakt, erwähnte Bauchnabelfinsternis und das große Triptychon des Falkenflügels, diese Kunstwerke stehen allesamt für ein in Nähe und Ferne zugleich gegossenes „urfremdes Anderswo“. Sind die Naturbilder Ausdruck einer hin zu anderen Räumen gefalteten Zeit, das Rentier die ironische Pointierung der Anima, des statuarisch Lebendigen, so sind die Sevilla Akte verstörende Bilder, in denen die Schönheit der Form und die verlebte Klassik der Statur mit der unendlichen Traurigkeit der entblößten Körper kontrastieren. Diese Frauen posieren vor einem Leichentuch, wo Balthasars Gelenke des Lichts noch den Schatten Schatten verleihen und jedes Bild wirkt eindringlicher – mit Verlaub -  als die gesamte Morgue Serie eines Andreas Serrano. Hier treten die Menschen aus ihrem Leben heraus.

All das ist nun dazwischen gekommen und das ist die Kunst des Balthasar Burkhard, nicht einzufangen in ihrem existentiellen Entwurf, doch mit jedem Bild und jedem Blick kann sie bei uns den Betrachtern die Sehnsucht als ein Geschehnis und dieses Geschehnis als die Kunst von Balthasar Burkard erwirken.

 

Dank für Ihre Geduld

 

 

 

Geerdetes Licht nur Balthasar und Appelt

 

„Wer auf dem Kopf geht, meine Damen und Herren, - wer auf dem Kopf geht, der hat den Himmel als Abgrund unter sich.“ (Celan)